Seit der Veröffentlichung unseres ersten Aufrufs ist einiges passiert:

Es gab viel Zuspruch, Unterstützung, Angebote und Anfragen, aber auch berechtigte und konstruktive Kritik. Es gelang uns nicht immer, adäquat und zeitnah zu reagieren. Wir sind nicht als feste Gruppe gestartet und verstehen uns als Zusammenschluss von Akteuren, der die Entwicklungsprozesse rund um das Westwerk transparenter machen möchte, Öffentlichkeit herstellt und Austausch- und Vermittlungsraum schafft.

Unser Anliegen war es mit einem provokativ formulierten Aufruf die intransparenten Vorgänge im Leipziger Westen und speziell im Westwerk an Interessierte und an die Öffentlichkeit heranzutragen und so eine Debatte anzuregen. Wir müssen ehrlich sagen: Mit diesem Zuspruch, in der Kürze der Zeit, hatte keiner von uns gerechnet und er bestätigt unser Gefühl, dass dieses Anliegen von vielen Menschen aus unterschiedlichsten Gründen geteilt wird. Viele wollen Anteil haben an den Entwicklungen in dieser und vor allem für diese Stadt. Gegen Verdrängung, aber nicht prinzipiell gegen Veränderung. Es zeigt sich Interesse an transparenten Prozessen, die Teilhabe ermöglichen.

Wie drückt sich dieses Interesse aus?

Am vergangenen Freitag sind wir erneut in einer offenen Runde zusammen gekommen. Es haben sich ca. 60 Menschen aus verschiedensten Motivationen und Kontexten getroffen um sich über die Entwicklungen auszutauschen und mögliche Lösungen zu debattieren. Wir haben uns in Arbeitsgruppen zusammengesetzt und uns zu Mietrecht, stadtpolitischen Verdrängungsprozessen, Kunst, Kultur und Freiräumen ausgetauscht, aber auch ganz praktisch die Vernetzung zwischen allen Akteur*innen vorangetrieben. Anwesend waren Mieter*innen des Westwerks und deren Unterstützer*innen, ein Anwalt, Aktivist*innen aus anderen stadtpolitischen Kontexten und interessierte Nachbar*innen.

Konsequenterweise reichten die Diskussion und das Engagement der Beteiligten über das Westwerk und seine Transformationsprozesse hinaus. Denn vielen Beteiligten ist klar, dass die Umstrukturierung des Westwerkes nur ein Teil von grundsätzlichen Veränderungen im Leipziger Westen ist. Das rasante Wachstum der Stadt, steigende Mieten und Luxussanierungen sorgen dafür, dass schon länger nicht mehr für alle Platz im Kiez ist. Auch im Bereich Felsenkeller sind derzeit kommerzielle Veränderungen im Gange, während der Nachbarschaftsgarten zu großen Teilen Eigentumshäusern weichen muss. Vor einigen Monaten kulminierte der Protest gegen die tiefgreifenden Veränderungen im Leipziger Westen, die auch die Steigerung von Wohnraum-Mieten betreffen, in Auseinandersetzungen um den Stadtteilladen.
Im Rahmen des Treffens wurde ein Raum geschaffen, um sich auszutauschen und Strategien zu diskutieren. Wir haben festgestellt, dass es ein komplexes Vorhaben ist, in einem kapitalistischen System mit einer scheinbar unanfechtbaren Eigentumslogik eine stringente Kritik zu formulieren und sie laut auszusprechen. Verdrängung basiert auf Vereinzelung und Selbstermächtigung ist ein schwieriges Unterfangen, auch für uns.

Wir wollen gemeinsam an Lösungsansätzen arbeiten und Utopien ernsthaft durchdenken.
An dieser Stelle ein Mitspracherecht einzufordern, verstehen wir als Ausdruck einer partizipativen Stadtgestaltung und als Widerstand gegen eine stadtpolitische Entscheidungskultur, die von Wenigen dominiert wird, aber Viele betrifft. Diese Intervention in privatwirtschaftliche Entscheidungsprozesse ist als Kommentar zu verstehen, mit dem Anspruch das Westwerk mit seiner einzigartigen Mischung von Mieter*innen, die eine Bandbreite an allgemeinen und spezifischen Bedürfnisse abdeckt, und gerne als Herz des Westens gesehen wird, zu erhalten. Wir denken, dass es dafür noch nicht zu spät ist.
Für uns ist das Westwerk nicht bloß ein privates Gewerbegelände, sondern vielmehr ein Ort lebendiger und inspirierender Nachbarschaft, der die Möglichkeit bietet, sich aktiv in die Gestaltung des Viertels einzubringen.

Durch Kündigungen und Mieterhöhungen sehen wir die vielfältige Arbeit ansässiger Kunst -und Kulturschaffender in Gefahr, insbesondere die Präsenz niedrigschwelliger Kulturangebote und gemeinnütziger Angebote. Um diese zu erhalten wollen wir uns unter anderem in Gesprächen mit dem Eigentümer bzw. der Verwaltung des Westwerks, als auch mit Verantwortungsträgern der Stadt Leipzig auseinandersetzen. Aber dies ist nur einer der diskutierten Ansätze, die weitere Entwicklung bleibt für uns alle spannend.

Zunächst aber wollen wir die Entwicklungen im Westen gerne im Rahmen einer stadtpolitischen Informationsveranstaltung mit euch diskutieren. Kommt dafür am 5.2.2017 um 17 Uhr ins Westwerk (Tipi)! Geplant ist ein Input über die stadtpolitischen Entwicklungen in Leipzig, sowie Berichte von den Bewohner*innen des Westwerks. Im Anschluss wollen wir den Raum öffnen und euch die Gelegenheit geben, eure Wahrnehmungen und Forderungen zu formulieren. Gemeinsam werden wir diese am 11.2.2017 im Rahmen eines bunten und lauten Umzugs durch Plagwitz auf die Straße tragen.

Bis dahin, besprecht euch mit euren Freund*innen und Nachbar*innen, weitere Infos folgen!
Solidarische Grüße aus dem Westen!

*Zahlen, Daten, Fakten folgen nach der Veranstaltung am 05.02.2017.